
Unternehmensnachfolge neu gedacht: Unternehmertum durch Übernahme & Search Funds statt Gründung
Exit Readiness anders mal gedacht – Entrepreneurship Through Acquisition
Viele Unternehmer denken bei „Unternehmertum“ zunächst an Neugründung: Ein Start‑up gründen, von Null aufbauen, Risiken eingehen. Doch ein ebenso spannender Weg ist die Unternehmensnachfolge. Gerade für den deutschen Mittelstand mit Blick auf die Generationenfolge ist es attraktiv, ein bestehendes Unternehmen zu übernehmen, weiterzuentwickeln und als neue Generation fortzuführen. Das bekannte Konzept der Unternehmensnachfolge und MBI / Management Buy In wird aktuell ergänzt und disktuiert durch die Bereiche „Search Fund“ bzw. „Entrepreneurship Through Acquisition“ (ETA).
Warum wird Entrepreneurship Through Acquisition für den Mittelstand relevant?
Jährlich stehen zahlreiche mittelständische Unternehmen in Deutschland vor der Herausforderung einer Nachfolge – so dokumentiert es u.a. das IFU – Institut für Familienunternehmen und Unternehmernachfolge: Der Inhaber möchte sich zurückziehen, die Familie übernimmt nicht, externe Nachfolger müssen gefunden werden. Gleichzeitig gibt es sehr gut ausgebildete Talente mit Unternehmergeist, die eine Alternative zur klassischen Mitarbeit in einem Unternehmen oder zur Gründung suchen.
Hier schließt ETA eine Lücke: Statt ein neues Unternehmen aufzubauen, übernimmt ein ambitionierter Unternehmer (Sucher bzw. „Searcher“) ein bestehendes Unternehmen — mit eigenem Unternehmeranspruch, aber ohne die Phase der Gründung von Null.
Was steckt hinter dem Modell?
Der Ablauf lässt sich grob in Phasen gliedern in:
→ Kapitalaufbringung
→ Suche nach einem passenden Zielunternehmen
→ Verhandlung und Übernahme
→ operative Führung und Weiterentwicklung.
Laut der Stanford Graduate School of Business wurden mehr als 600 Search Funds in den USA und Kanada identifiziert. Die Studie von 2024 weist unter anderem eine durchschnittliche Vor‑Steuer‑IRR (Internal Rate of Return) von rund 35 % und ein mittleres Vielfaches des eingesetzten Kapitals von etwa 4,5× auf.
Auch international — und zunehmend in Europa bzw. Deutschland — ist dieses Modell auf dem Vormarsch. So ist beispielsweise in Deutschland eine Reihe von Search Funds aktiv, wenngleich die Anzahl noch moderat ist. Auf einem Event des IFUs wurde die Anzahl in Deutschland auf 20 bis 30 geschätzt.
Ein konkretes Event als Aufhänger
Im November 2025 fand an der HHL Leipzig Graduate School of Management ein Workshop-Event zum Thema „ETA & Search Funds“ statt: Impulsvortrag, Podiumsdiskussion und Networking in Leipzig zu „Unternehmen kaufen statt gründen – die Zukunft des Entrepreneurship in Deutschland?“.
Panel‑Speaker waren:
- Benedikt von Hatzfeldt (Co‑Founder, Tembo Search Partners)
- Dr. Justus Spengler (aktiver Searcher, ex McKinsey)
- Daniel Assmann (aktiver Searcher, ex Houlihan Lokey)
- Florian Adomeit (AMBER by DEALCIRCLE)
Diese Veranstaltung zeigte sehr gut auf: Das Thema Nachfolge im Mittelstand, Unternehmertum durch Übernahme, Professionalierung mit Kapital und die Professionalisierung dieses Wegs rücken in den Mittelpunkt.
Meine Sichtweise – persönliche Erfahrungen
Als Untenehmer und Business Angel habe ich zum ersten Mal auch indirekt erlebt. Mein Business Angel bei Betreut.de war Alexander Kirn: Er war einer der Pioniere des Search Fund Modells in Deutschland. In seinem Fall gründete er 2009 einen der ersten deutschen Search Funds, übernahm 2012 das Softwareunternehmen INVERS und führte es erfolgreich weiter. Heute finanziert er andere Search Funds.
Aus meiner Perspektive zwei wichtige Erkenntnisse:
- Wer ein Unternehmen kauft statt gründet, übernimmt nicht nur Vermögen und Marktposition, sondern auch Kultur, Führung, Personal – daher ist die Passung zwischen Sucher und Zielunternehmen entscheidend.
- Die Phase „vor dem Kauf“ ist keineswegs trivial: Die Auswahl des richtigen Unternehmens, die Bewertung, das Verstehen organisatorischer Strukturen, Finanzierung – all das verlangt unternehmerische Klarheit und unternehmerische Begleitung. Andersherum gilt auch: Die Auswahl eines möglichen Searchers aus Sicht des unternehmerischen Verkäufers ist genauso wichtig.
Im Rahmen meiner Beratung sehe ich häufig, dass Inhaber‑Unternehmen zu spät über „Unternehmensnachfolge“ nachdenken. Dabei ist dieser Zeitpunkt genau eine Chance, mit einem ETA‑Modell frühzeitig den Übergang zu gestalten. Die „Übergabefähigkeit“ oder „Übergabereife“ eines Unternehmens ist damit ein wichtiger Teil des Lebenszyklus: Es geht nicht nur um den Exit, sondern um die nachhaltige Fortführung und Zukunftssicherung. Weiterhin ist auch eine faire und angemessene Taxierung des Verkaufspreises wichtig für beide Seiten.
Was heißt das konkret für Mittelständler & Sucher?
Für Unternehmer / Inhaber:
- Frühzeitig prüfen, ob das eigene Unternehmen „nachfolgefähig“ (auch bekannt als Exit Ready) ist – unternehmerisch, finanziell, organisatorisch, prozessual.
- Offen sein für externe Übernahme‑Szenarien, nicht nur innerhalb der Familie.
- Transparenz schaffen: Kennzahlen, Prozesse, Personalführung – das stärkt Verhandlungs‑ und Übergabeposition.
Für Sucher/ Searcher (künftige Unternehmer durch Übernahme):
- Klar definieren, welche Branche, welche Größe, welche Unternehmenskultur passen.
- Finanzierung sicherstellen – oft ein Mix aus Eigenkapital, Fremdanteil, Earn‑out bzw. Beteiligung des Verkäufers.
- Netzwerke und Mentoren nutzen: Das Modell wird zunehmend professioneller – siehe die Plattformen Amber oder Tembo Search Partners.
Warum gerade jetzt interessant?
Die demografische Veränderung im Mittelstand, die steigende Zahl von Firmen mit Übergabebedarf, kombiniert mit der steigenden Akzeptanz von Übernahmemodellen jenseits klassischer Start‑ups – das ergibt eine gute Konstellation für Entrepreneurship Through Acquisition.
Die genannten Studien zeigen: Die Renditepotenziale sind hoch (z. B. IRR ~35 %) – natürlich nicht ohne Risiko, aber das Risiko unterscheidet sich vom klassischen Start‑up‑Modell.
Fazit
Unternehmertum muss nicht zwingend bedeuten, etwas ganz Neues zu gründen – es kann bedeuten, etwas Bestehendes zu übernehmen und weiterzuentwickeln. Für Mittelstand und Nachfolge‑Prozesse ist das eine echte Alternative. Wenn Sie als Inhaber:in die Zukunft Ihres Lebenswerks sichern wollen oder als Sucher den Sprung in die Unternehmerrolle wagen möchten – dann lohnt es sich, diesen Weg zu prüfen. Wer sich tiefer mit Unternehmernachfolge, Austausch bei Kaufanfragen für Unternehmen oder Unternehmer-Sparring beschäftigen möchte – oder sein eigenes Unternehmen für die Nachfolge gezielt vorbereiten will, dem stehe ich gerne für ein persönliches Gespräch bzw. Sparring zur Verfügung.
Die Reflexion und Vorbereitung Ihres Unternehmens für eine Übergabe ist oft einmalig und kann emotional sein. Da hilft ein nüchterner, erfahrener Blick von Unternehmer für Unternehmer oftmals. Insbesondere wenn der Steuerberater oder die Bank vor Ort solche Übernahmen nicht im Alltag strategisch und operativ oft erfolgreich begleitet haben.

